Was ist eigentlich Service Learning?
Katarina Peranic 18. August 2010
Von Philip Husemann
Diese Woche durften wir gleich 18 neue Weltbeweger auf unserer Plattform begrüßen. Allesamt Studenten, allesamt engagiert in einem Projekt, das nun das Prädikat Weltbeweger trägt: Der Freiwilligentag Wiesbaden.
Die 18 Studenten nehmen am Service Learning-Angebot der Hochschule Rhein-Main teil. Für ein Semester kreisen die Gedanken der Studenten hauptsächlich um das Projektmanagement des Freiwilligentages am 2. Oktober. Vorlesungen, Seminare und Bibliotheks-Besuche treten solange in den Hintergrund. Auch Engagiert.Studiert! aus Halle (Saale), seit geraumer Zeit Weltbeweger, fällt in die Kategorie, die in den USA seit Jahrzehnten zum gesellschaftlichen Alltag, in Deutschland ein noch relativ unbekanntes Phänomen gesellschaftlichen Engagements ist: Service Learning. Grund genug einmal näher zu beleuchten, was sich hinter dem Begriff versteckt.
Wikipedia bietet eine griffige freie Übersetzung für den etwas sperrigen englischen Begriff: Lernen durch Engagement – das sind die beiden entscheidenden Komponenten dieser pädagogischen Methodik. Service Learning wird in der Regel von den Studienzentren der Universitäten organisiert. Hier werden gemeinnützige Projekte gesammelt und den Studenten vorgestellt. Wichtig ist, dass die Inhalte des Projekts zum Studienfach der Studenten passen. Schließlich sollen die Studenten ihr in der Theorie angehäuftes Fachwissen, in der praktischen Arbeit für das Gemeinwohl einsetzen. So programmiert Nils Zündorf, Informatik-Student in Essen, beispielweise die Online-Plattform GenerAktion.de für Mehrgenerationshäuser.
2003 adaptierte die Universität Mannheim als erste deutsche Hochschule das Service Learning-Konzept nach anglo-amerikanischem Vorbild. Das Pilotprojekt CampusAktiv besteht immer noch, inzwischen aus 14 Studierenden der Psychologie, Erziehungs-, Sozial- und Politikwissenschaften. „Schwerpunkt unserer Arbeit ist weiterhin, Service Learning an unserer Uni zu etablieren. Wir leisten Überzeugungsarbeit bei Dozenten und der Hochschulleitung und versuchen, Service Learning durch Infostände und Veranstaltungen bekannter zu machen.“ Dass sieben Jahre nach der Gründung von CampusAktiv noch so viel Lobby-Arbeit nötig ist, spiegelt die bundesweite Situation von Service Learning wider. Erst acht deutsche Universitäten haben sich bislang im Hochschulnetzwerk zur Förderung von Service Learning zusammengeschlossen. Als Vorreiter gilt die Universität Duisburg-Essen: 1000 Studenten nahmen hier an ca. 600 Projekten in rund 300 Non-Profit-Organisationen teil. Eine enorme Belebung für den Dritten Sektor im Ruhrgebiet und ein Hoffnungsschimmer für ambitionierte Service Learning-Anhänger in Deutschland. Sie wollen, dass Service Learning im deutschen Uni-Betrieb einmal den Status einer „Third Mission“ erreicht, als dritte Säule neben Lehre und Forschung steht.
Es verwundert, dass Service Learning an vielen deutschen Unis auf so viel Skepsis und Zurückhaltung trifft, liegt doch der vielfache Mehrwert dieser Lehrmethode, die wissenschaftliche Seminarinhalte (learning) mit gemeinnützigem Engagement (service) verknüpft, auf der Hand. Die Business-Studentin Felicitas Schleppe, die sich 2009 beim Weltbeweger Freiwilligentag Wiesbaden engagierte, betont etwa die Vorteile für den eigenen Lebenslauf: „Man lernt alle relevanten Skills: soziale Kompetenz, Teamfähigkeit, Ganzheitliches Denken, Konfliktmanagement, Kommunikationsfähigkeit. Das Projektmanagement für den Freiwilligentag Wiesbaden war ein perfektes Training für den späteren Arbeitsalltag. Und natürlich ist es auch toll, solch ein Projekt, das Projektmanagement mit sozialem Engagement verbindet, in den Lebenslauf schreiben zu können.“ So schlägt Service Learning die Brücke zwischen Hörsaal und Arbeitsleben – und stärkt die Bürgergesellschaft, indem junge Menschen für soziale Verantwortung sensibilisiert werden.
Inzwischen ist sogar empirisch belegt, dass Service Learning dem Bildungsauftrag der Universitäten dient. Heinz Reinders, Professor für Empirische Bildungsforschung in Würzburg, untersuchte die Auswirkung von Service Learning auf das Lernverhalten von Studenten. Und kam dabei zu eindeutigen Ergebnissen: „Der Lernerfolg ist größer mit Service Learning“, so Reinders in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Nur 31 Prozent der Studenten gaben an, nach Vorlesungen und Seminaren einen guten Überblick über das Fachgebiet bekommen zu haben. Dem gegenüber stehen 74 Prozent zufriedene Service Learning-Studenten.
Sicher, Service Learning ersetzt keine fundierte wissenschaftliche Ausbildung. Es funktioniert nicht als Substitut für Vorlesungen, Kolloquien und Seminare, sehr wohl aber als ergänzendes Uni-Angebot, von dem alle profitieren: Die Studenten, die Universitäten und schließlich das Gemeinwohl. Wir jedenfalls würden uns freuen, schon bald weiterer Service Learning-Angebote auf der Weltbeweger-Plattform zu präsentieren!
Wichtige Links zum Thema Service Learning:
Service Learning-Projekte im Weltbeweger: …. Freiwilligentag Wiesbaden
Sehr guter Artikel über Social Learning in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
Service Learning bei Wikipedia (mit vielen Literaturtipps)
campusAktiv an der Universität Mannheim
Hochschulnetzwerk Bildung durch Verantwortung
- Allgemein , Gut zu Wissen , Neu im Weltbeweger
- 3 Kommentare


[...] This post was mentioned on Twitter by Katarina Peranic and Philip , Stiftung Bürgermut. Stiftung Bürgermut said: Neu in unserem Blog: Was ist eigentlich Service Learning? -… http://fb.me/FL0Gk6hT [...]
Hallo Herr Husemann, hallo liebe Weltbeweger, vielen Dank für den inspirierenden Beitrag. Seit dem ich mich das erste Mal wirklich ausführlich mit dem Konzept des Service Learning beschäftigt habe (das war 2008 bei der BBE-Fachtagung in Dilligen und 2009 bei der Volonteurope Conference in Sarajevo BiH) und mich auch in den Report des National Youth Leadership Council vertieft habe, bin ich davon überzeugt, dass Service Learning nicht nur an Hochschulen, sondern auch an allgemeinbildenden Schulen seinen Platz haben sollte.
An allgemeinbildenden Schulen — so schien es mir 2008 — kommt Service Learning nur nicht wirklich an, weil die ohnehin mangelhaft ausgestatteten Schulen eine zusätzlich Belastung für den Unterricht sehen. In Hochschulen sieht die Sache meiner Ansicht nach etwas anders aus: Ich schrieb bereits in meinem Blog, dass ich die Hochschule prinzipiell für einen geeigneten Ort der Annerkennung freiwilligen Engagements halte. Es gibt die entsprechenden Ressourcen und einen eher auf Selbstbildung angelegten Anspruch. Problematisch — und ich denke, dass eben das der Grund für “die bundesweite Situation von Service Learning ist — ist das vorherrschende Missverstehen von Kompetenzerwerb mit Regal-Lernen.
Hallo Herr Jähnert,
vielen Dank für die positive und informative Rückmeldung. Stimmt, Service Learning an Schulen ist ein wichtiger Aspekt, der in dem Artikel leider keinen Platz fand. Und auch hier ist die USA Vorreiter. Dort ist SL nämlich auch in den Schulen – (möglicherweise aber auch nur an den teuren Privatschulen, die die Ressourcen haben) weit verbreitet. Müsste man irgendwann mal nachfassen… vielleicht gibt es ja bald innovative, engagierte Schüler-Projekte unter dem Label SL, die das Prädikat weltbewegend verdienen? Ich bin jedenfalls gespannt, wie es mit Service Learning weitergeht.
Vielleicht erhält es ja Aufschwung im Trend, den die Bertelsmann Stiftung zusammen mit Emnid ausgemacht haben:
http://ow.ly/2rKmA